Türkei denkt über Bodentruppen in Syrien nach

Stand: 12.08.2015 15:05 Uhr

Die Türkei ist in einer Zwickmühle: Einerseits hofft sie auf den Sturz von Syriens Machthaber Assad, andererseits wächst der Druck, stärker gegen Islamisten vorzugehen. Premier Davutoglu deutet gegenüber der BBC nun eine Kehrtwende an.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

“Momentan möchte niemand Bodentruppen nach Syrien schicken”, sagt der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu im Interview mit der britischen BBC. Daraufhin hakt der BBC-Reporter Jeremy Bowen nach und bekommt diese Antwort: “Wenn es eine Drohung gegen türkische Interessen und gegen unser Land gibt – von wem auch immer -, dann werden wir all unsre Macht nutzen, ob die Luftwaffe oder andere Kräfte, um die zu bestrafen, die die Türkei angreifen.”

Sicherheitszone für Flüchtlinge

Das klingt in wichtigen Nuancen anders als noch vor gut zwei Wochen. Am 27. Juli hatte Davutoglu den Einsatz türkischer Truppen in Syrien zur Einrichtung und Sicherung einer Sicherheitszone für Flüchtlinge noch gänzlich ausgeschlossen. Diese Sicherheitszone soll mit amerikanischer Hilfe geschaffen werden und auf syrischer Seite der gemeinsamen Grenze ein Gebiet von knapp 100 Kilometer Länge und 45 Kilometer Breite umfassen.

Nun formuliert Regierungschef Davutoglu eine Voraussetzung für die Nicht-Entsendung eigener Kräfte: “Wenn die moderaten Kräfte in Syrien stark genug sind, dann wird es für kein Land – inklusive der Türkei – nötig sein, Bodentruppen zu entsenden. Wichtig ist, moderate syrische Kräfte in Syrien zu stärken.”

Türkei bestreitet Unterstützung von Islamisten

Das ist der Türkei bisher nicht gelungen. Stattdessen wird Ankara vorgeworfen, radikale Kräfte wie die Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) zu unterstützen. Sein Land habe niemals die IS-Terrormiliz oder eine mit ihr verbandelte Gruppe unterstützt, beharrt Davutoglu.

Ob es Unterstützung für die islamistische Al-Nusra-Front gegeben habe, fragt der Reporter nach? “Nein, niemals”. Die Türkei haben nur jene unterstützt, die den Grausamkeiten Assads entkommen seien – den Chemiewaffen und Fassbomben, betont Davutoglu. “Es ist eine ungerechte Anschuldigung gegen die Türkei, für die es keinerlei Beleg gibt. Wenn jemand dafür Beweise hat, dann soll er die auf den Tisch legen.”

Waffenlieferungen der Türkei?

Anfang Juni berichtete die liberale Zeitung “Cumhuriyet” über mutmaßliche Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Islamisten in Nordsyrien. Türkische Sicherheitskräfte hatten in der Provinz Adana einen Lastwagen gefilzt, der dem Bericht zufolge Medikamente und darunter verborgene Waffen transportierte.

Es gab eine Nachrichtensperre über den Vorfall und eine Strafanzeige von höchster Stelle gegen den Chefredakteur Can Dündar.  Dündar werde bitter büßen, wetterte Präsident Recep Tayyip Erdogan, der komme ihm nicht so leicht davon: “Denn diese Zeitung ist jetzt Teil dieser ganzen Spionage geworden.” Er habe seine Anwälte angewiesen, unverzüglich eine Klage einzureichen. “Sie haben einen Prozess in die Wege geleitet”, so Erdogan.

Erdogan wittert Rufmordkampagne

Die Mühlen der türkischen Justiz mahlen nun gegen Dündar. Wie stichhaltig dessen Behauptungen oder gar Beweise sind, weiß niemand. Wie auch? Wenn es einen Eingriff in die Tätigkeiten des Geheimdienstes gebe, erklärt Präsident Erdogan, dann müsse das zunächst einmal vom Geheimdienstchef genehmigt werden. Der Lkw-Stopp und die Durchsuchungen seien nichts weiter als der Versuch, die Türkei international in Verruf zu bringen.

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